Abenteuerreisen mit der Bahn.... Echt günstig!

  • Hallo Modellbahner,


    eigentlich wollte ich nur meiner Familie in den Urlaub folgen. Mit der Bahn. Nichts Besonderes, dachte ich. Was daraus geworden ist möchte ich Euch nicht vorenthalten, spiegelt es doch den aktuellen Zustand der Bahn wider. Ich kann nur sagen, dass die Bahn mittlerweile mit ihrer primären Aufgabe, Personen und Waren von A nach B zu bringen, hoffnungslos überfordert ist.


    Eigentlich hätte ich es ja besser wissen müssen, hat mich doch im letzten Jahr, im selben Theater nur ein beherzter Taxifahrer über Schleichwege vom Bahnhof Norden in rasanter Fahrt rechtzeitig zur letzten Fähre gebracht.
    Dieses Mal sollte alles besser werden: Kann ja nicht sein, dass ich immer Pech habe. Also habe ich mit der Bahn einen Beförderungsvertrag (Fahrkarte) abgeschlossen.

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    Der Beförderungsvertrag. Künstlerisch durch die Bahn verfeinert.


    1. Etappe Fachingen -> Koblenz

    Ich also am 27.07 um 11:45 Uhr an den Bahnhof Fachingen gelaufen. Und tatsächlich, pünktlich um 11:52Uhr rollte mein Triebwagen in Doppeltraktion in den Bahnhof. Einsteigen und losfahren kein Problem, ich war guter Dinge.
    Bis nach Bad-Ems waren wir im Plan. Dann nahmen die Ereignisse ihren Lauf. Ich saß im ersten Triebwagen und bemerkte das häßliche Geräusch aus dem Motorraum wohl als erster, nicht zuletzt deswegen, weil ich der einzige Fahrgast in dem Wagen war. Nach einem letzten Aufbäumen gegen den Tod verstarb die Maschine einen einsamen Tod auf halber Strecke nach Nievern. In Bad-Ems West hatte der TF wohl noch nichts von dem Todeskampf, der sich da wenige Meter unter seinen Füßen abspielte mitbekommen. Die Warnelektronik hatte er wahrscheinlich in Limburg gelassen oder sie war ebenfalls zu einem früheren Zeitpunkt unbemerkt zu Tode gekommen.


    Nach dem planmäßigen Halt in Nievern hat der zuständige TF dann wohl mitbekommen, dass da wohl die Hälfte seiner Antriebsleistung fehlt und sein Fahrpult ähnelte in weiten Teilen einem Flipper kurz vor dem Tilt. Etwa einen Kilometer hinter Nievern dann Halt auf freier Strecke. Der TF rannte daraufhin leise fluchend von einem Führerstand zum nächsten und vollführte ein wahres Ballett auf den diversen Schalttafeln. Irgendwie kam er mir vor wie Neil Armstrong bei der Mondlandung, den immer der 1202 Alarm nervte.

    Auf jeden Fall fuhr der Zug mit gebremstem Schaum weiter nach Lahnstein. Weiter nach Koblenz fuhr er dann wegen "einer technischen Störung" jedenfalls nicht mehr und mein tapferer TF teilte ziemlich genervt durch die Bordsprechanlage mit, dass die Rheintalbahn mich bis Koblenz mitnehmen würde.

    Immerhin, mein IC sollte 13:13 Uhr abfahren und auf der Rheinbrücke vor Koblenz HBF war es dann 13:13Uhr. Doch auf die Bahn ist Verlass, hatte doch der IC2024 nach Münster in Koblenz 10 min Verspätung.

    "Da hat der Thomas ja noch mal Glück gehabt", so dachte ich und wartete auf meinen IC.


    Ich also rein in den IC und da ich keine Sitzplatzreservierung hatte, einfach auf einen Platz ohne Reservierungsschildchen gesetzt. Alles prima. Ich hätte mich allerdings wundern sollen. Erstens, nirgendwo war ein Reservierungsschildchen gesteckt. Zweitens, die Hansels vom Bahnsteig tauchten nacheinander in meinem Wagen auf und der war schon proppenvoll? Nun die freundliche Schaffnerin machte meiner Verwunderung ein jähes Ende. "Die Wagen 3, 4, 6 und 8 sind aufgrund einer Klimaanlagenstörung gesperrt. Die Sitzplatzreservierungen sind aufgehoben und im Speisewagen gibt es kostenlos Wasser für die Fahrgäste". Das kannte ich vom letzten Jahr. Nur waren dort weniger Wagen gesperrt.


    2.Etappe Koblenz->Münster

    Mein IC2024 donnerte dann einer roten Welle folgend von Block zu Block gen Köln. Dort angekommen nahm der Wahnsinn seinen Lauf. Bis die Neuankömmlinge verstanden hatten, dass es keine Sitzplatzreservierungen mehr gibt, herrschte im Wagen ein Getöse wie auf einem Rockkonzert. Nach einigen Arrangements konnte die Sitzplatzfrage mit selbstgebauten Sitzplatzlösungen geklärt werden. So kam es dann, dass ich einen sehr jungen Herrn einer recht hübschen Mutter auf dem Schoß hatte und ihm in Wuppertal die Schwebebahn zeigen konnte. Man kann sagen, dass die Gesamtsituation zur allgemeinen Kommunikation positiv beigetragen hat.

    Nichts desto trotz verfolgte uns die rote Welle und irgendwo zwischen Wuppertal und Münster wurde klar, dass der Anschlußzug in Münster nicht mehr zu erreichen ist. Die junge Zugbegleiterin (Summa cum laude im Krisenmanagement) checkte virtuos auf ihren diversen mobilen Kommunikationseinrichtungen die Lage und empfahl mir dann in Münster die Servicestelle der Bahn aufzusuchen. "Die werden das schon richten". Damit war für diesen Tag die Ankunft auf der Insel gestrichen. Komisch, ab diesem Zeitpunkt fehlte mir irgendwie der Nervenkitzel. Trotzdem war ich auf das gespannt was da jetzt wohl kommen würde.

    In Münster angekommen wurden wir schon vom Servicepunkt der Bahn empfangen. Wie es auch nicht anders sein kann hatte ich plötzlich eine Leidensgenossin gefunden, die exakt vor dem gleichen Problem stand. Die Dame am Servicepoint war sehr freundlich und mitfühlend, so wie man es von einer kruppschen Kanonenpresse erwarten kann. Immerhin hatte ich dann eine, einer Radierung ähnelnden Fahrkarte und einen Hotelgutschein incl. Taxi zu einem Hotel in Emden in der Hand. Damit stiefelten wir dann, Lucia und ich, so der Name meiner Begleiterin, an den Bahnsteig der Westfalenbahn.


    3.Etappe Münster->Emden

    Der Zug fuhr dann auch pünktlich ab und das in einem Tempo, das unser IC-Lokführer wohl nur aus Erzählungen seiner Vorgänger kannte. Es hätte eine tolle Fahrt werden können, hätte die rasante Fahrt nicht in Meppen ein jähes Ende erfahren: Strecke wegen Wildschaden gesperrt. Kann man verstehen, dass sogar das Wild bei der Hitze ausrastet. Nach einer Dreiviertelstunde ging dann der Zugbegleiter rund und fragte mit ernster Miene, wer denn alles nach Borkum wollte. Und siehe da, plötzlich waren wir nicht mehr alleine. Zu uns gesellten sich ein Polizist in voller Montur und ein übriggebliebener 68er, der so gar nicht cool mit der Situation umgehen konnte. Vielleicht hatte er keinen, der ihm am Abend auf Borkum den Hanf gegossen hätte. Wer weiß.

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    Ausserplanmäßiger Halt in Meppen.


    Pünktlich um 19:45Uhr liefen wir dann wohlbehalten und guter Laune in Emden ein. Ein Sammeltaxi war schnell gefunden und so fuhren wir zu viert in das Hotel. Den Namen nenne ich nicht. Warum? Abwarten....

    Mitten in der Altstadt gelegen umgeben von kleinen Restaurants jeglicher kulinarischer Couleur lag also unser Hotel. Einchecken war kein Problem, waren wir doch alle schon gemeldet. Mein Zimmer lag im dritten Stock mit Ausblick auf den Marktplatz. Dieser befand sich zwar gerade unter einer Baustelle, aber Hauptsache das Zimmer und das Bett sind in Ordnung. Leider kein Fahrstuhl und auch keine Lüftung. Aber macht ja nichts, sind ja zwei große Fenster im Zimmer, die man vollständig öffnen kann und Treppensteigen soll ja gesund sein.

     

    HINWEIS: Hätte ich Schiff und Bus getrennt gebucht hätte ich die Übernachtung selbst tragen müssen! Also: Augen auf beim Fahrkartenkauf!


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    Blick auf den Marktplatz


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    Das Interieur

     

    Also kurz das Zeug abgestellt und dann mal sehen was man so essen kann. Ich muss sagen wir hatten einen wunderschönen Abend mit guten Gesprächen und das in einer tollen Atmosphäre. Da die Nacht kurz werden würde, Frühstück um 7 Uhr, bbeschlossen wir uns gegen 23:00Uhr zur Ruhe zu begeben.

    Rein ins Zimmer, Klamotten aus und dann ins Bett. Halt. Fenster auf, die Hitze ist ja sonst nicht auszuhalten. Jetzt kommt's. Von uns allen unbemerkt: In unmittelbarer Nähe (30m) zwei Diskotheken. Ja, ich habe irgendwie geschlafen und gegen fünf Uhr morgens war dann auch irgendwie Ruhe. Ich sage Euch, wäre ich der Polizist gewesen, ich hätte geschossen.

    Einzig unser Polizist hatte eine ruhige Nacht und wurde liebevoll von der Kehrmaschine der Stadtreinigung geweckt. Kein Wunder, lag sein Zimmer doch nach hinten.


    4.Etappe Emden->Baltrum

    Nach einem guten Frühstück ging es dann zum Bahnhof. Das Taxi war pünktlich und so standen wir um 8 Uhr am Bahnhof. Wir haben Tränen gelacht, als auf der Anzeigetafel der Zug nach Norden mit 10min Verspätung angezeigt wurde. Wir haben es gelassen gesehen, fuhren doch noch zwei weitere Fähren an diesem Tag. Nun wir haben es tatsächlich zur ersten Fähre geschafft, der Polizist wohl auch nach Borkum. Meine Frau und ich haben Lucia abends noch an der Strandmauer getroffen.


    Fazit:

    Mit Traurigkeit sehe ich, was aus der Bundesbahn geworden ist. Für meine Begriffe gehört die Bahn als Infrastrukturträger in die öffentliche Hand. Abgewirtschaftetes Material, abgewirtschaftete Strecken, Zustände wie am Ende der Reichsbahn und der DDR. Eisenbahn ist nur noch im Modell schön. Ich kann mich noch an D-Züge erinnern, die pünktlich fahren und nie eine Klimaanlage hatten. Man machte einfach das Fenster runter und die dunkelbraunen Gardinen flatterten im Wind. So bin ich quer durch die Republik gefahren und immer, ich wiederhole, immer pünktlich angekommen.

    Wer wissen will, wie das auch heute noch funktioniert, der schaue mal nach Österreich. Die ÖBB ist Staatsbetrieb.

     

    Bis dahin mit freundlichen Modellbahnergrüßen

    Thomas



    "Wer sich nicht an die Vergangenheit erinnern kann, ist dazu verdammt, sie zu wiederholen." Jorge Augustín Nicolás Ruiz de Santayana

    Einmal editiert, zuletzt von Thomas S () aus folgendem Grund: TFZ gegen TF getauscht

  • Hallo Freunde,


    die Diskussion zumThema habe ich (mit Kopie des Eröffnungsbeitrages) in die kleine Kneipe umgehängt. Dort diskutiert es sich leichter. :D


    Gruß Rainer:chiefadmin:

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    Christopher La Brec: Jeder Mensch verfolgt einen Traum in seinem Leben. Entweder den eigenen oder den eines anderen. Gib acht, das Du Deinen eigenen verfolgst.