Rollmöpse für Pfannenberg

  • N' Abend,


    ich habe einen Artikel aus einem anderen Forum auch hier mal eingestellt. So als Lesestoff für einen kühlen Herbst...., wollte sagen Juniabend. 8)


    Der Artikel war ursprünglich mal im HP1 veröffentlicht. Nee, nicht bei Willy :whistling: ! Beim FREMO ;) .


    Ein Betriebstag im Betriebsteil "Freien Grunder Eisenbahn (FGE)" der Siegener Kreisbahn
    von Hartmut Wunderlich


    März 1987, ein Montagmorgen in Herdorf, FGE. Durchs Naßkalte stolpere ich vom Auto zum Lokschuppen. Seit Januar bin ich als Ersatz für einen erkrankten Kollegen zur FGE "verbannt". Hier in Herdorf, ca. 30 Kilometer von Siegen entfernt, gehen die Tätigkeiten eines Lokführers über „das Übliche" hinaus: Kleine Reparaturen an den Loks, allgemeine Unterhaltungsarbeiten an den Bahnanlagen, Beschaffung von Diesel und anderen Betriebsstoffen sowie die daraus resultierenden Büroarbeiten.


    Die Werkstatt in Siegen ist halt "weit weg".


    Zwei Lokführer teilen sich die Arbeit bei wöchentlich wechselnden Diensten. Dienst 1 ist die Streckenleistung, ein "langes Brett" von morgens 6:30 Uhr bis 17:30 Uhr am Nachmittag mit einer 2 1/2-stündigen Pause zur Mittagszeit.


    Zum Glück habe ich in dieser Woche den kurzen Dienst 2: Vorbereitungsdienst an der Streckenlok, ggf. Schiebedienst nach Pfannenberg mit der zweiten Lok; ansonsten alle anfallenden Werkstattarbeiten. Dienstbeginn ist um 6:00 Uhr, Feierabend um 13:00 Uhr. Bei mehr als vier Wagen für Fa. Schäfer, Pfannenberg kommt die Schiebelok zum Einsatz, da die R 42 C auf der steilen, ca. 4 km langen "Bergstrecke" nur 200 t ziehen darf. Bei voll ausgeladenen Taes oder Shis (ca. 80 t) also
    2 1/2 Wagen.



    Lok 18 vor dem Lokschuppen in Herdorf, im Hintergrund die Lok 17


    Da die DB übers Wochenende dreimal Wagen zustellt wird montags immer geschoben. Nun denn, also für Roland - den zweiten Lokführer - dessen Lok 17 vorbereiten: Ölstände an Motor und Getriebe peilen, Kühlwasserstand prüfen und die Sandkästen kontrollieren; dann Schmieröldruck vorpumpen. Nachdem alles in Ordnung ist starte ich die Lok, führe die Bremsprobe durch und fahre die Lok 17 vor den Lokschuppen.


    Inzwischen sind auch der Zugführer Gerhard und Walter, der Rangierer, eingetroffen. Gerhard, der hier von allen nur "der schwarze Abt" genannt wird (der Himmel weiß warum?!), murmelt etwas von einem langen Vormittag. Sein Weg zum Dienst führt ihn über die den Bahnhof querende Brücke; er hat den vollen Bahnhof also schon gesehen. Mittlerweile ist auch Roland erschienen und so fahren wir zu viert auf "Sightseeing-Tour" in den Bahnhof Herdorf, FGE.


    Da die DB die Wagen freitags abends in Gleis 2, samstags früh in Gleis 3 und montags morgens in Gleis 5 parkt, können wir durch Gleis 4 fahren und das Angebot sichten. Oha, Gerhard hat nicht übertrieben; bunter könnte die Auswahl kaum sein! Die Auswahl für Pfannenberg läßt die Hoffnung auf einen ruhigen Vormittag schwinden: 8 Shis aus Oberhausen, 7 Taems aus Duisburg und 4 belgische Taes bedeuten 4 Fahrten Seichendorf - Pfannenberg. Da ja auch noch andere Anschließer bedient werden sollen, muß der Zug mit Köpfchen zusammenrangiert werden. Außer Pfannenberg bekommt Fa. Capito, Werk I einen Hbc (ich höre schon die Frage: Wat is'n dat??? Salopp gesagt ein Gbs mit Stirntür), ein Gos mit leeren Gitterboxen ist fürs Hansawerk bestimmt, ein leerer Gbs wurde von der Fa. Baumgarten in Neunkirchen geordert. In Salchendorf wartet der Bahnmeister auf einen mit Schwellen beladenen Res. Außerdem hat Schäfer, Salchendorf 2 Gos, 4 Gbs, 1 Hbis und 2 Tbis als Leerwagen angefordert.


    Mit den beiden Salchendorfer Stückgutwagen ergibt sich also die Anzahl von 34 Wagen, die bei 108 Achsen runde 1900 t an den Zughaken bringen. Während Roland mit Gerhard und Walter den Zug passend zusammenstellt, bereite ich die Lok 18 für die schwere Tour vor. So gegen 8:00 Uhr steht die Fuhre: Vorne die Lok 17, dahinter die Stückgutwagen für Salchendorf, der Res für den Bahnmeister, dann die 19 Pfannenberger. Die Wagengruppe für Schäfer, Salchendorf läuft vor den Gbs für Fa. Baumgarten in Neunkirchen und vor der Lok 18 läuft letztlich der Gos fürs Hansawerk. Aufmerksame Leser werden bemerkt haben, daß der Hbc für Capito noch fehlt. Aufgrund der besonderen Verhältnisse in Anschluß Hansawerk/ Capito Werk I kommt dieser Wagen an den Zugschluß, also hinter die Schiebelok!


    Roland fährt zu diesem Zweck in Richtung Neunkirchen. Vor der Weiche 9 wird der Hbc abgehängt und Roland zieht über die Weiche vor. Nachdem Walter die Weiche umgestellt hat fahre ich ins Hauptgleis, und nachdem Walter die Weiche zurückgelegt hat an den Hbc. Selbigen ankuppeln, an den Gos fürs Hansawerk ranfahren, Schiebelok an den Zug kuppeln und Bremsprobe ausführen ist in wenigen Minuten geschafft.


    Nun geht's los! Unter ständigem Läuten (Ja, richtig gelesen - auch 1987 noch! Kleinbahn eben!) und Pfeifen geht es mit hart arbeitenden Loks in Richtung Neunkirchen. Erster Halt ist in Struthütten am Malscheider Weg. Der dortige Bahnübergang muß durch das Zugpersonal gesichert werden. In besserem Fußgängertempo geht es weiter, runde 1900 t sind für 880 PS eben keine Kleinigkeit. Nächster Halt ist dann hinter der Weiche Hansawerk/ Capito Werk I. Hier sichert Roland mit der Lok 17 den Zug. Nachdem Walter den Gos abgekuppelt und die Anschlußweiche umgestellt hat, fahre ich mit beiden Wagen ins Anschlußgleis. Zuerst stellen wir den Hbc an die Rampe der Firma Capito; nachmittags wird er wohl mit Schubkarren beladen sein und Roland kann ihn bei der Nachmittagsfahrt mitnehmen. Danach fahren wir den Gos mit den beim Hansawerk schon dringend erwarteten Gitterboxen an die dortige Rampe. Nun geschwind ins Hauptgleis zurück an den Zugschluß. Normalerweise wird bei der Bergfahrt nur Capito bedient, aber mit der Schiebelok ist das Ganze ja auch so kein Problem. Außerdem spart es uns heute eine zusätzliche Bedienungsfahrt. Nachdem die Lok 18 wieder am Zug hängt und die Anschlußweiche in Grundstellung verschlossen ist fahren wir nach erfolgter Bremsprobe weiter nach Neunkirchen.


    Hier stelle ich den Gbs für die Fa. Baumgarten - ebenfalls mit der Schiebelok - zu. Nach der Zustellung das bekannte Procedere: Lok anhängen, Weiche in Grundstellung verschließen, Bremsprobe - und weiter gehts nach Salchendorf.


    Mühsam erklimmen beide Loks die steile Rampe vor der Frankfurter Straße in Neunkirchen; etwas schneller läuft der Zug dann bis Salchendorf. Hier gehts jetzt richtig rund! Mit beiden Loks wird emsig rangiert. Während Roland mit der Zuglok die Stückgutwagen und den Res für den Bahnmeister nach Gleis 4 zustellt, rangiere ich mit der Schiebelok die "Schäfer"gruppe nach Gleis 3. Anschließend rangiere ich die 2 Tbis in den "Anschluß Schäfer III" nach Gleis 7. Währenddessen stellt Roland die restlichen Wagen ins "Schäfer'sche Zustellgleis". (Die Wagenverteilung im Werk erfolgt mit einem Zweiwege-Unimog!) Diese Manöver beanspruchen ca. 30 Minuten. Danach wird Pfannenberg bedient. 19 Wagen bedeuten 4 Fahrten "auf den Berg".


    Wir setzen uns wieder an den Zug und nach der bekannten Prozedur fahren wir bis zur Abzweigstelle. Dort verteilen wir die Wagen auf beide Gleise. Jetzt geht es mit dem ersten Fünferpack nach Pfannenberg. Bis zur Spitzkehre fahre ich an der Spitze und Roland schiebt; ab dort läufts dann umgekehrt. Im Betriebsbahnhof Pfannenberg wird die Zuglok abgekuppelt und fährt nach Gleis 2. Danach schiebe ich mit der Lok 18 die Wagen in die Halle.



    Hier die Pfannenberger Hallen, allerdings mit Lok 17


    Zwischenzeitlich fährt Roland mit seiner Lok an die Lok 18 und kuppelt an. Nach dem Anhängen der Wagen und Verschließen der Gleissperre geht's als Doppel-Lz zurück zur Abzweigstelle. Danach dasselbe Spiel von vorne. Unter Schieben und Ziehen quälen wir uns erneut läutend und pfeifend auf den Berg. Bei der dritten Tour sind dann schon leere Wagen mit ins Tal zu nehmen. Als wir nach gut 3 Stunden zum letzten Mal in der Abzweigstelle ankommen haben wir schon 12 leere Wagen mit herunter gebracht.



    Lok 18 mit belgischen Shis bei der Talfahrt von Pfannenberg


    Die restlichen 7 Wagen nimmt Roland dann bei der Nachmittagsbedienung mit. Wieder in Salchendorf angekommen fahren Roland und "der schwarze Abt" mit der Lok 17 und den Leerwagen sofort weiter nach Herdorf; dort werden sie die Wagen im DB-Bahnhof abstellen und ihre wohlverdiente Mittagspause machen. Walter und ich rangieren unterdessen in Salchendorf die Stückgutwagen um, verwiegen in Gleis 7 die inzwischen beladenen Tbis und stellen den Res für den Bahnmeister wunschgemäß nach Gleis 8. Danach setzen wir um nach Gleis 1 und begeben uns ins Bahnhofsgebäude.


    Ein kurzer Plausch mit dem Zugleiter (Merke: Zugleitbetrieb!!!) ergibt keine weiteren Aufträge. Unter der Maßgabe, den Gos beim Hansawerk zu bezetteln, dürfen wir - da die Rückmeldung von Roland und dem "schwarzen Abt" bereits vorliegt - bis zur Trapeztafel von Herdorf FGE fahren. Ein kurzer Halt beim Hansawerk unterbricht die Lz-Fahrt nach Herdorf. Über Funk erlaubt uns der Zugleiter nach Herdorf FGE einzufahren. Nachdem ich die Lok 18 im Lokschuppen abgestellt und betankt habe geht's nach Erledigung des Papierkriegs in den wohlverdienten Feierabend. Am Nachmittag haben Roland und der schwarze Abt dann noch viel vor ... - aber das ist eine andere Geschichte.


    Edit hat die Formatierung im 1. Absatz überarbeitet.

    Grüsse aus Höchst am Main


    Hartmut

  • Hallo Jürgen,


    ich bin seit 1989 nicht mehr bei der "Kreisbahn". Die KSW fährt mit eigentlich allen Mittelführerstandloks
    auf den Pfannenberg. EMW (heißt heute glaub' ich anders) bekommt nach wie vor grosse Mengen
    Stahlrollen per Bahn.
    Der restliche beschriebene Güterverkehr hingegen viel Mora-C zum Opfer...

    Grüsse aus Höchst am Main


    Hartmut

  • Den Artikel kannte ich ja schon - fein allerdings, dass du ihn auch hier einstellst. :thumbup:


    Die FGE ist - und vor allen Dingen: war! - eh eine höchst interessante Bahn... 8)

    Den wahren Freund erkennt man in der Not. (Cicero)

  • Hallo,


    welch Zufall: irgendeinem Betriebsfaden bin ich dieser Tage auf die FGE gestossen. Heute kam mein gebrauchtes Exemplar des Buches über die FGE. Für knapp 5,- kann ich nicht meckern, zumal fast ungelesen.


    Dank dieses Fadens kann ich mir auch das Heraussuchen des Rollmops-Artikels sparen.


    Bei der hafeNbahN wird just-in-time geliefert


    Michael
    der in den letzten Zügen mit dem DR-Fahrplan für Stöllnitz liegt

  • Über die FGE gibt es zwei neuere Bücher: ein oranges in A5 aus dem EK-Verlag (Reihe "Regionale Eisenbahngeschichte" oder so ähnlich) und ein blaues aus dem Verlag Vorländer (Autor u.a. Gerhard Moll). Ersteres ist ordentlich, letzteres aber eine absolute Empfehlung. ;)

    Den wahren Freund erkennt man in der Not. (Cicero)

  • N' Abend,


    es gibt auch noch ein Buch über die Werksbahnen im Siegeland, in dem die FGE behandelt wird.


    Das Kenning Buch ist gut, das orange EK-Heft sauber gemacht (der Autor war sein Berufsleben
    lang Rangierer und Zugführer bei der FGE; ich bin mit ihm noch gefahren).


    Aber das verlinkte Buch ist DAS ultimative Werk über die FGE!! Jeden Cent wert!!
    http://www.shopping-siegerland…shop_id=38&productID=9436


    Edit hat Buchstaben sortiert :whistling:

    Grüsse aus Höchst am Main


    Hartmut