RP-25 Was ist das eigentlich?

  • Hallo,


    oft wird der Begriff "RP25" verwendet wenn es um feinere Radsätze geht ohne dabei zu wissen was genau das nun eigentlich ist.

    Der Begriff kommt aus dem amerikanischen und bedeutet "Recommended Practice", übersetzt ins deutsche etwa empfohlene praktische Anwendung.

    Tatsächlich ist die RP-25 aber nur ein Teil einer ganzen Kette von Normen die aufeinander abgestimmt sind. In den USA hat die NMRA (Nationale Vereinigung der Modelleisenbahner) es schon seit vielen Jahren geschafft Normen für Modelleisenbahnen auszuarbeiten, zu veröffentlichen und, noch viel wichtiger, die Modellbahnindustrie zur Mitarbeit bewegen können. Als einer der größten Erfolge für den Modellbahner ist zu werten, daß sich tatsächlich ALLE Hersteller von US Modellbahnen an diese Normen halten.


    Von diesen Zuständen in Sachen Kompatibilität und Austauschbarkeit sind wir hier in Deutschland leider immer noch weit entfernt. Es gibt zwar eine europäische Entsprechung der NMRA, der MOROP und dieser hat auch Normen für die europäischen Modellbahnen (NEM) ausgearbeitet und veröffentlicht.

    Jedoch macht die Modellbahnindustrie hier nicht mit.

    Jeder Modellbahnhersteller von elektrischen Eisenbahnen, lässt nur nach seiner Werksnorm produzieren. Für den Modellbahner ist das unerquicklich, weil hier viele Komponenten nicht richtig zusammenpassen oder bestenfalls nur in einer Art Notbetrieb irgendwie behelfsweise zusammen laufen.




    Als Einschub, die Ursachen dafür liegen in der historischen Entwicklung der Modellbahnen begründet.

    Damals gab es in der alten BRD Anno Nachkrieg Anfang der 1950er Jahre 3 Hersteller von Elektrischen Eisenbahnen:

    - Märklin

    -Trix

    - Fleischmann


    Allen gemeinsam war:

    - die Nennung der Baugröße "H0"

    - das nominelle Maß der Spurweite von 16,5mm

    - Küchentischfähig

    Und danach war es vorbei mit den Gemeinsamkeiten.


    Weder vom Maßstab:

    - Märklin 1:87,

    - Trix 1:90,

    - Fleischmann 1:82,


    Noch vom Stromsystem:

    - Märklin WS,

    - Trix WS, aber andre Art Der Fahrtrichtungsänderung, später GS,

    - Fleischmann GS


    Der Stromzuführung:

    - Märklin Mittelleiter, nicht isolierte Radsätze

    - Trix 3 Leiter, isolierte Radsätze

    - Fleischmann 2L, isolierte Radsätze


    Den Radsatzmaßen,

    den damit verbundenen Weichenmaßen,

    den Kupplungen,

    war irgend etwas kompatibel miteinander.


    Kurz gesagt, es war nicht möglich Fahrzeuge frei auszutauschen.

    Lediglich Trix bot ab 1960 herum einige Modelle in International Ausführung für 2L an, so wie Austauschradsätze und -Kupplungen für die Wagen. Das waren von den Herstellern ganz geziehlt angelegte Inkompatibilitäten um den Kunden bei der Stange zu halten und ausschliesslich auf die eigenen Produkte zu fixieren.

    Daneben gab es noch die sog. Kaufhausbahnen, die aber in einer anderen Liga spielten und als nicht ausbaufähige Systeme hier nicht betrachtet werden.

    So war die Welt der Elektischen Miniatureisenbahn bis in die 60er Jahre festgefügt und als Kinderspielzeug gedacht. Erwachsene die sich damit beschäftigten wurden von den Herstellern schlicht als Spinner abgetan. Der Vater musste schon einen Sohn haben um die moralische und gesellschaftlich anerkannte Berechtigung zum Kauf einer Elektrischen Eisenbahn zu haben, so waren die Zeiten in der Epoche 3 damals.

    Bis dann irgendwann einmal die Firmeninhaber feststellten, daß sie ihre Bähnchen auch an Väter verkauften welche nur Töchter hatten oder gar an Erwachsene ohne Kinder. Auf einmal wurden die Spinner als Kaufkraft wahrgenommen.


    Darauf gab es auf einmal auch richtige Modelle, d.h. keine irgendwie stilisierten Nachempfindungen, sondern genaue Verkleinerungen der großen Vorbilder, die in den Augen der Erwachsenen Kunden bestehen sollten.

    Auch erkannte man, daß man im, bislang durch die Inkompatibilitäten geschützten, Reservat des Mitbewerbers wildern musste. Trix hatte ja schon den Anfang mit seinen Inernational-Modellen und Austausch-Radsätzen und -Kupplungen gemacht, Märklin zog mit 2L Hamo Lokmodellen und Austauschradsätzen nach und Fleischmann liess sich zu Austauschkupplungen hinreißen.

    Anfang der 1970 Jahre erschien Roco als Newcomer auf dem westdeutschen Modellbahnmarkt und mischte diesen allergründlichst auf. Damals richtige Modelle, ein richtiges Gleissystem abseits von den Erfordernissen für den Küchentisch und keine überzogenen Preisvorstellungen.


    Aber in 60 Jahren hat sich die Welt weiter gedreht und die technische Entwicklung ist nicht stehen geblieben. Radsätze und Gleis, hier insbesondere die Weichen, haben sich seitdem zwar etwas angenähert, aber ...

    Das große ABER ist die immer noch vorhandene Grobschlächtigkeit der Radsätze und Weichen. Analog zum Bruchrechnen wo es den Term des kleinsten gemeinsamen Nenners gibt, hat man sich hier, ich beziffere es so, auf den "Gröbsten gemeinsamen Nenner" geeignet. Die häßlichen riesigen Spurkränze und noch häßlicheren abgrundtiefen Herzstücklücken wirken wie Überbleibsel aus der Zeit der ersten Blecheisenbahnen. Mit diesem Material kann trotzdem nur so eine Art Behelfsbetrieb stattfinden.

    Man beobachte nur wie serienmässige Radsätze über serienmässige Weichen regelrecht rumpeln. Das sogar auch wenn Fahrzeuge und Weichen vom selben Hersteller sind.


    Der Grund für diese Grausamkeiten ist in dem Prinzip des gröbsten gemeinsamen Nenners mit seinen riesigen Toleranzfeld zu suchen. Hier müssen Kompromisse eingegangen werden die alles andere als vorbildgerecht sind.

    So sind alle Weichen der traditionellen Marken für den Spurkranzauflauf vorgesehen. D.h. weil die Herzstücklücken so breit sind reicht es nicht mehr, daß die Radlauffläche den Spalt zwischen Herzstückspitze und Flügelschiene überbrücken kann. Als Notbehelf soll dann die Spitze des Spurkranzes auf dem Grund des Herzstücks laufen.


    Wie sich jedoch tatsächlich ein Eisenbahnrad über ein Herzstück bewegt soll dieses Video zeigen:

    Auch wer des Englischen nicht mächtig ist, die farbigen Animationen zeigen es deutlich.


    Zuerst ein Code 110 Rad auf den Herzstück, das auch für Code 110 Räder augelegt ist. Man sieht wie das Rad von der Flügelschiene auf die Herzstückspitze überwechselt. Die Breite der Radlauffläche des Code 110 Rades ermöglicht das ohne Einzusinken. Wie das Vorbild kommt man hier im übrigen ganz ohne Spurkranzauflauf aus, die Spurkranzhöhe spielt keine Rolle.


    Ab etwa Minute 3:00 werden Code 88 Räder auf Herzstücken für Code 110 gezeigt und warum die 88er Räder in das Herzstück fallen. Man ist wieder bei einem Behelfsrumpelbetrieb angelangt, zwar auf höherer Ebene, aber eben doch Rumpelbetrieb.


    Ab 3:50 wird der Behelf mit dem Spurkranzauflauf gezeigt. Aber das funktioniert richtig nur mit einheitlich hohen Spurkranzhöhen, auch hier ist die elektrische Eisenbahn noch weit entfernt davon. Im Endeffekt auch wieder Rumpelbetrieb wie bei dem alten gröbsten gemeinsamen Nenner.


    Der erste Teil des Videos zeigt den Idealzustand, Weichen, Rad und Radsatz sind aufeinander abgestimmt.

    Alle Hersteller von Weichen in den USA halten sich an dieses abgestimmte System.


    Dagegen sind die Weichen fast aller hiesigen Anbieter nach dem Prinzip des gröbsten gemeinsamen Nenners für den Spurkranzauflauf ausgelegt. Lediglich 2 Ausnahmen gibt es: Tillig Elite und Weinert Mein Gleis. Die Weichen dieser beiden Hersteller haben keinen Spurkranzauflauf, vorausgesetzt die Radlauffläche ist breit genug (Code 110).


    Fortsetzung nächster Beitrag

    Mit freundlichen Grüssen


    Lutz

    6 Mal editiert, zuletzt von Lutz K ()

  • Um die Begrifflichkeiten jetzt einmal aufzudröseln, als erstes die vielstrapazierte, diesmal aber richtige und korrekte, RP-25:

    https://nmra.org/sites/default…p/pdf/RP-25%202009.07.pdf

    Die Maßangaben sind im zölligen Maßssystem. Der Umrechnungsfaktor beträgt. 1 Inch = 25,4mm.

    Mit Hilfe des Taschenrechners leicht zu bewerkstelligen, aber (WARNUNG!) der durch die Umrechnung entstandene Zahlenwurm sollte auf 1/10tel mm gekürzt werden. Das ist 1 Stelle hinter dem Komma und dabei rollt man den Zahlenwurm von hinten auf, von 1 bis 4 wird nach unten, von 5 bis 9 nach oben aufgerundet.


    Was man hier in der Empfehlung sieht ist ein Teil eines Rades. Genauer gesagt der für das Rollen aktive Teil.


    Mehr nicht.

    Uns interessieren hier primär nur die Code110 (2,8mm) und Code88 (2,2mm) Radprofile.


    Es gibt jedoch weder eine Angabe welchen Durchmesser die Radscheibe aufweisen muß, noch eine Montageanweisung. Bekanntlich besteht ein Radsatz ja aus 2 Rädern die auf eine gemeinsamen Achse sitzen. Hier in der realen RP-25 findet man nirgendwo eine Anweisung oder Festlegung wie die beiden Räder auf der Achse zu montieren sind, noch irgendwelche Maßangaben dafür. Schlicht und einfach nur das aktive Radprofil. Hier jetzt irgend etwas herleiten zu wollen, in welchen Abstand die Räder auf der Achse zu positionieren sind, wäre rein spekulativ.


    Schaut man sich weiter auf der NMRA Seite um, findet man eine Empfehlung für komplette Radsätze, nämlich die RP-24.2:

    https://nmra.org/sites/default…ds/sandrp/pdf/rp-24.2.pdf

    Die RP-24.2 ist allerdings unbemaßt, dafür gibt sie eindeutige Hinweise wo die entsprechenden Maße zu finden sind.


    Diesen Hinweisen folgend gibt es bemaßte Normen.

    Hier die NMRA S-4.2 für Standard Radsätze:

    https://nmra.org/sites/default…df/S-4.2%202015.01.19.pdf

    Das ist hier eine verbindliche Norm. Als Standard werden seitens der NMRA die üblichen Normen bezeichnet.

    Schaut man in die Zeile H0 so findet man:

    Radsatzinnenmaß B: Zielvorgabe 14.55mm mit einer Toleranz nach oben von 0,05mm und einer Toleranz nach unten von 0,18mm. Das wäre ein Toleranzfeld von 14,37mm bis 14,60mm.


    Die Hundertstel sind aus der Umrechnung in metrische Maße entstanden und daher rein akademisch zu betrachten, für den praktischen Gebrauch sollte man hier ebenfalls auf Zehntel runden:

    Zielvorgabe 14,6mm als oberes Abmaß und 14,4mm als unteres Abmaß für den Innenabstand der beiden Radscheiben zueinander.

    Damit wäre ein Maß von 14,5mm der goldene Mittelweg.

    Des weiteren die Höhe der Spurkränze sollte maximal 0,7mm betragen. Auch hier wieder der praktische Ansatz mit der Empfehlung von Code 110 Rädern mit 2,8mm Radbreite. Diese Angabe findet man dann eben in der RP-25. Ebenso die Empfehlung die Spurkränze nur 0,6mm hoch zu machen, wobei nicht ausgeschlossen ist sie noch etwas niedriger zu machen.



    Jetzt zum Vergleich die NEM310 des MOROP:

    https://www.morop.org/downloads/nem/de/nem310_d.pdf

    Hier sollte man sich den Text unter dem Kopf unbedingt durchlesen. Im Prinzip lehnt man sich an die S-4.2 an. Jedoch ist diese Norm verwaschener und nicht so exakt wegen diverser Ausnahmen. Und diese Ausnahmen als auch Rücksichtnahmen auf den "gröbsten gemeinsamen Nenner" sorgen dann für eine Aufweichnung. Daher ist wegen der Abwärtskompatibilität die Betriebssicherheit nicht so groß wie bei der Original S-4.2.


    Jedoch gilt, je geringer die Toleranzen sind, je enger die Normen gefasst sind, desto genauer sind die Komponenten auf einander abgestimmt und je betriebssicherer ist das System.


    Auch die NMRA RP-25 hat beim MOROP einentsprechendes Gegenstück:

    https://www.morop.org/downloads/nem/de/nem311_d.pdf

    Auch hier leider wieder mehr verwaschene Toleranzen und Rücksichtnahmen auf den gröbsten gemeinsamen Nenner.


    Aber die NMRA hat auch hier eine Antwort darauf:

    https://nmra.org/sites/default…df/S-4.3%202010.02.24.pdf

    Als Deep Flanges bezeichnet man in den USA die spielzeughaften Traditionsradsätze aus dort längst vergangenen Tagen. Hier spiegelt sich bei H0 die alte NEM310 von 1977 wieder die auch die 14,3mm Minimum aufweist an das sich bis Heute noch viele Hersteller klammern. Aber das ist in den USA für Spielzeugbahnen und nicht für Modellbahnen nach Standard gedacht.

    Das nur zur Information.







    Da das System Eisenbahn nicht nur aus Fahrzeugen besteht, sondern auch aus dem Fahrweg, gibt es auch hier Normen. Die NMRA S-3.2:

    https://nmra.org/sites/default…/pdf/s-3.2_2010.05.08.pdf

    Hier sind die Maße für den Gleisbau aufgeführt. Spurmaße, Herzstücklücken, Radlenkerabstände etc.

    Für den US-Modellbahner hat das zur Folge, daß er im Prinzip sein Gleismaterial von verschiedenen Herstellern frei kombinieren kann. Durch die von der dortigen Modellbahnindustrie eingehaltenen Normen gibt es keine Komplikationen. Lediglich wenn unterschiedliche Profilhöhen zusammen kommen muß angepasst werden. Praxis ist aber auch diese unterschiedlichen Schienenprofile auf einer Anlage zu kombinieren um einen vorbildgerechten Eindruck zu erzeugen.

    So liegen z.B. auf der Main (den Hauptgleisen) Code83 Gleis. Auf den Sidings (Ausweichgleise) dagegen Code70 und die untergeordneten Gleise sind gar Code55 oder Code40.

    Dank Einhaltung der S-4.2 und der RP-25 gibt es auch auf Code40 kein Rattern auf dem Kleineisen.

    Diesen Kopp braucht man sich dort nicht zu machen.



    Die entsprechechende MOROP NEM110:

    https://www.morop.org/downloads/nem/de/nem110_d.pdf

    Auch hier findet man wieder die aufgeweichten großen Toleranzen nach dem Prinzip des gröbsten gemeinsamen Nenners. Es wäre für uns alle wirklich schön, wenn sich die einheimische Modellbahnindustrie wenigstens an diese tolerante Norm halten würde. Statt dessen beharrt jeder auf seine eigene Werksnormen was dann dieses Chaos der Inkompatibilitäten verursacht welches uns Modellbahnern das Leben so schwer macht. Der Modellbahner muß jetzt wissen was er mit was kombinieren darf um seine Modellbahn einigermaßen betriebssicher hinzubekommen.





    Aus diesem einheimischen Gleissystem-Chaos reichen nur 2 Anbieter von Gleismaterial hinaus:


    Das ist zum einen Tillig mit seinem Elite Gleis. Durch hier etwas großzügiger ausgelegte Toleranzen gegenüber der strengen NMRA S-3.2 können sowohl Radsätze nach NMRA S-4.2 als auch gut eingestellte (d.h. normgerechte) Radsätze nach der neuesten NEM310 im Mischbetrieb fahren. Die Herzstücke dieser Weichen sind richtige Eisenbahnweichen, wie im Video gezeigt und kommen ohne Spurkranzauflauf aus.

    Schmalere Räder wie solche mit dem schmäleren Code88 Profil können den Übergang von Herzstückspitze zu Flügelschiene wegen ihrer zu geringen Breite nicht bewältigen und fallen in das Herzstück hinein. Also wieder Rumpelbetrieb. Zwar auf einer höhren Ebene, aber eben doch Rumpelbetrieb mit in das Herzstück fallenden Rädern.

    Man kann Tillig Elite Weichen so modifizieren, daß auch die Code88 Räder nicht mehr ins Herzstück fallen. Jedoch ist dann kein Mischbetrieb mit NEM Radsätzen mehr möglich.


    Zum anderen ist das Weinert mit seinem Gleisystem Mein Gleis.

    Als weise Kompromißlosigkeit hat sich Weinert dafür entschieden hier 2 verschiedene Ausführungen der Weichen anzubieten.

    Einmal die gröbere Variante die einen Mischbetrieb wie Tillig Elite mit NEM310 und NMRA S-4.2 Radsätzen zulässt.

    Dann die feinere Variante die einen Mischbetrieb mit Radsätzen nach NMRA S4.2 und NMRA S-4.1 ermöglicht.


    Fortsetzung nächster Beitrag

    Mit freundlichen Grüssen


    Lutz

    10 Mal editiert, zuletzt von Lutz K ()

  • Gude Lutz,


    dass nenne ich mal eine ausführliche Information. Vielen Dank für die Arbeit. :thumbup2:

    Eine Bitte hätte ich. Siehst Du eine Möglichkeit am Ende der Doku für Laien, oder halbwissende, so wie meinereiner, einen Workaround zusammenzufassen an dem man sich im eigenen Projekt entlanghangeln kann? Mir wäre das eine große Hilfe. Sicherlich kann da auch der Erfahrungsschatz von diversen Fremotreffen mit einfließen. Bei der Fülle der möglichen Fehlerursachen bestimmt nicht uninteressant.


    Mit freundlichen Modellbahnergrüßen

    Thomas

    "Wer sich nicht an die Vergangenheit erinnern kann, ist dazu verdammt, sie zu wiederholen." Jorge Augustín Nicolás Ruiz de Santayana

  • Hallo,


    Jetzt zu den feineren Normen für Radsatz und Gleis. Oft wird ja auch mit dem Begriff "Code88" wie ein Hyphe um sich geworfen, umgangssprachlich gesagt. Auch hier "Code88" ist keine Norm, sondern nur ein Teil der NMRA RP-25 für Räder mit 0.088 Zoll (2,2mm) Breite. Ebenfalls auch für schmalere Räder und damit feinere Radsätze hat die NMRA verbindliche Normen.


    Für die Radsätze: https://nmra.org/sites/default…drp/pdf/s-4.1_2006.01.pdf

    Radscheiben mit 2,2mm Breite waren nach der ürsprünglichen Normalnorm (was für ein Begriff, aber er umschreibt treffend die Standardnormen S-4.2 und S-3.2) für Schmalspurfahrzeuge vorgesehen.

    In einer erweiterten Auffassung des Fortschritts wurde die die oben verlinkte NMRA S-4.1 für feine Radsätze geschaffen.

    Hier in dieser Norm findet man sowohl die Radsätze nach Proto:87 wo die Radscheiben im Mittel nur noch 1,7mm (1,63 - 1,75mm) breit sein dürfen mit einer max. Spurkranzhöhe von 0,36mm. Hundertstel Millimeter werden auch hier schwierig, aber 5/100stel sind realistisch noch machbar ohne zu einer Kostenexplosion zu führen.


    Aber man findet dort auch die nicht so puristisch strengen alternativen Fine Scale Optionen mit den 2,2mm breiten Radscheiben. Schaut man einmal etwas herunter in die nächste Zeile, so findet man die gleichen 2,2mm Radscheiben auch für Schmalspur.

    Jedoch schreibt die NMRA S-4.1 für Normalspur ein Minimum des Radsatzinnenmaßes von 14,8mm für die Radsätze mit 2,2mm breiten Radscheiben verbindlich vor.

    Gegenüber der NMRA S-4.2 gibt es hier so gut wie keine Toleranzfelder. Alles muß wesentlich genauer gefertigt und eingehalten werden. Und Präzision kostet eben ihren Preis.


    Die entsprechende Norm für den Fahrweg findet man hier: https://nmra.org/sites/default…p/pdf/S-3.1%202006.01.pdf

    Auch hier neben den puristischen Proto:87 Normen die Optionen für Fine Scale.



    Wenn man sich die Maße einmal betrachtet und vergleicht, so kommt man zwangsläufig zu dem Schluß, daß sich normgerecht ausgeführte Radsätze nach NEM310 und ebenfalls normgerecht ausgeführte Radsätze nach NMRA S-4.1, Option Fine Scale (Vulgo Code88), nicht miteinander vertragen.

    Die Folgen sind dann eben wieder der erwähnte Rumpelbetrieb wegen der nicht aufeinander abgestimmten Komponenten Radsatz und Fahrweg. Entgleisungsunsicherheiten in verstärkten Maße dabei zwangsläufig erhöht.


    Es hilft auch nicht der verbreitete Spruch: "Norm ist was gebaut wird." Diese Einstellung ist u.a. auch nicht ganz unschuldig an dem Chaos der verschiedenen Werksnormen hierzulande. Die Modellbahnfirmen hierzulande haben das ausgenutzt und ich muß das Elend hier nicht noch einmal beschreiben.


    Besser wäre: "Norm ist, wenn sich Alle daran halten, auch die Hersteller."


    Als positive Beispiele für erfüllte und eingehaltene Normen seien nur einmal Fremo Fine und Fremo:87 genannt. Beide Gruppen halten sich genau an die Normen. Mit dem Resultat, daß sie sich den Ärger mit dem Normchaos erfolgreich vom Hals geschaffen haben durch genau aufeinander abgestimmte Radsätze und Gleise.


    Fortsetzung nächster Beitrag

    Mit freundlichen Grüssen


    Lutz

    5 Mal editiert, zuletzt von Lutz K ()

  • Hallo,


    als -vorläufige- Schlußbetrachtung noch einmal kurz zusammengefasst:


    - "RP25" ist keine Norm, sondern die NMRA RP-25 ist tatsächlich nur eine Empfehlung für Radreifenprofile.

    - Diese Empfehlung ist ein Teil einer Kette von Normen.

    - Diese verbindlichen Normen sind die NMRA S-4.2 für Radsätze und die NMRA S-3.2 für Gleise und Weichen.

    - Erst die Einhaltung beider Normen und der Empfehlung zusammen führt zu einem optimierten Lauf von Modellbahnfahrzeugen.

    - Die NMRA enthält noch weitere Empfehlungen; beispielweise Mindestradien in Abhängigkeit von Fahrzeuglängen (RP-11), Weichen (RP-12), technische Ausführung von Weichendetails (RP-13), Schienenprofile (RP-15), Drehgestellbefestigungen am Wagenboden (RP-23), Drehgestelle und ihrer technischen Ausführung (RP-24).


    Einige der Empfehlungen davon lassen sich bei europäischen Fahrzeugen und Gleismaterial anwenden, andere sind US spezifisch und nur dort sinnvoll anwendbar.


    Der Trend zu immer feineren Rädern und Radsätzen ist zweifellos da und wie schon angesprochen, die Modellbahnindustrie in Deutschland leistet das entweder gar nicht oder wenn überhaupt, nur unzureichend. Die Gründe dafür seien einmal dahingestellt.

    Der interessierte, nicht markengebundene, Modellbahner muß sich also selber darum kümmern Fahrweg und Rollmaterial in eigener Verantwortung aufeinander abzustimmen.

    Ich hoffe mein Thread hat etwas dazu beigetragen hier Licht ins Dunkel zu bringen und dem Interessierten eine Art Begriffsdefinition als auch Hinweise zu geben worauf zu achten ist, wenn man seine Modellbahn technisch-mechanisch in Richtung Betriebssicherheit optimieren möchte.


    Aber auch dieser Thread stellt nur einen Teil des Systems Modelleisenbahn dar:

    Unterbau - Oberbau - Gleis - Schiene - Rad - Radsatz - Radsatzaufhängung - Fahrzeug

    Er hat sich vorwiegend mit Radsatzabmessungen, so wie den korrespondierenden Weichenabmessungen beschäftigt um zwischen Gleis und Radsatz einen sicheren Lauf herzustellen.

    Mit freundlichen Grüssen


    Lutz

    Einmal editiert, zuletzt von Lutz K ()